Am 29. Januar 2017 fand in der Nähe von Wolverhampton (England) das letzte Tough Guy Race statt. Der Tough Guy gilt als Ursprung aller Hindernisläufe und hat einen ganz besonderen Spirit, welcher weltweit einzigartig ist. Von 1987-2017 hat der Tough Guy jedes Jahr tausende Läufer aller Kontinente nach England gelockt und in den Bann gezogen. Trotz einer anspruchsvollen hügeligen Laufstrecke, über 200 Hindernissen und vieler Wasserhindernisse, die einen an die körperlichen Grenzen gebracht haben, kommen die Teilnehmer jedes Jahr wieder. Der Tough Guy ist ein Kult-Lauf, welcher 30 Jahre lang die Massen begeistert hat. Dieses jahr fand er nun statt – der letzte Tough Guy. Wir haben es uns natürlich nicht nehmen lassen und sind extra für dieses Event nach England gereist. Ich habe mich auf die wohl härteste Lauf-Strecke begeben, die mir jemals bei einem Hindernislauf begegnet ist. Meine Eindrücke zum Event und dem Drumherum habe ich in einem Erfahrungsbericht für euch zusammengefasst. Natürlich gibt es auch viele Bilder vom letzten Tough Guy, welche euch einen noch besseren Eindruck von der brutalen Tough Guy Strecke geben sollen…

Als ich nach über drei Stunden die Heuballen des Ziel-Bogens überquerte war ich mehr als glücklich. Ich streckte meine Arme in die Höhe und war froh das die Qualen nun endlich ein Ende haben. Mein ganzer Körper zitterte, meine Beine waren eine Mischung aus totaler Verkrampfung und extremer Unterkühlung. Meine Lippen waren blau, meine Kleidung und mein Gesicht komplett vom Matsch getränkt. Als ich den warmen Kakao im Zielbereich in die Hände nahm, zitterte ich so stark, dass mir dieser über die Hand schwappte. Ich schaffte es nicht auch nur einen Schluck vom Kakao zu trinken. Ich war beim Tough Guy an meine Grenzen gekommen. Die knapp 16 Kilometer lange Strecke war anspruchsvoller, als jede Laufstrecke zuvor. Für mich war schnell klar: Auf die kurze Streckenlänge gesehen ist der Tough Guy der wohl härteste Hindernislauf der Welt…

“I am a Tough Guy” – glücklich im Ziel

Streckenbesichtigung am Vortag

Doch schauen wir erst einmal einen Tag zurück. Am Vortag vom Event haben wir schon die Startunterlagen abgeholt und die “Killing Fields”, den unendlichen Hindernisparkour mit einem Hindernis nach dem anderen, besichtigt. Schon an diesem Tag wurde klar, das der Tough Guy ein ganz besonderes Event ist.

Wir bekamen einige Tipps für das Bewältigen der ganzen Hindernisse und begutachteten den steilen Start-Hügel. Respektvoll schauten wir uns die meterhohen Holzkonstruktionen an, die schon seit dreißig Jahren auf dem Gelände stehen. Die Netze und Balken waren teilweise ausgebessert, hatten aber auch Löcher, Nägel ragten spitz aus den dicken Holzbalken, einige Balken, Reifen und Netze waren von Moos übersäht. Die Hindernisse machten einen mystischen und gigantischen Eindruck.

Die fast drei Stunden vor Ort vergingen wie im Fluge. Nach der Besichtigung stieg die Vorfreude aber auch etwas die Angst vor diesem Extrem-Hindernislauf. Werde ich es überhaupt unverletzt bis ins Ziel schaffen? Alles auf dem Eventgelände wirkte sehr einfach gehalten und hatte dennoch einen ganz besonderen Flair, welchen ich so bei noch keinem Hindernislauf erlebt habe. Die Hindernisse mit den Flaggen, der Starthügel, Mr. Mouse… so langsam realisierte ich: Morgen werde ich beim Tough Guy an den Start gehen.

Die Aufregung steigt von Minute zu Minute

Als der Bus am Eventtag langsam Richtung Gelände fuhr stieg die Aufregung von Minute zu Minute. Als der Bus auf dem matschigen Gelände parkte, kam kurz Hektik auf – schnell wurde ein Team-Foto geschossen und sich bereit gemacht.

OCR Heidesprinter beim Tough Guy 2017

Eigentlich war der Start für 11 Uhr geplant. Dann erfuhren wir, das der Start ca. 30 Minuten nach hinten verschoben wurde, da noch nicht alle Teilnehmer da waren und zu viele noch an der Registration standen. Schnell flüchtete ich wieder in den warmen Bus, um nicht schon vor dem Lauf komplett auszukühlen. Immer mehr Läufer stellten sich hinter und auf dem Starthügel auf.  Beeindruckend.

Auch wir gingen ca. 10 Minuten  vor dem Start auf den Hügel in unseren Block. Die Ghost Squats heizten die Masse ordentlich ein. Bunter Rauch übersähte die Wiese vor dem Starthügel, Trommeln und “Tough Guy”-Rufe der Masse ließen den Puls nach oben schnellen.

6000 Läufer stürmen los

Wir rutschten den steilen und matschigen Starthügel nach unten. Kurz darauf ertönte der Knall der riesigen Kanone und ca. 6000 Läufer stürmten über den Hügel auf die Strecke. Ein unbeschreibliches Gefühl – Adrenalin pur, überall um mich rum nur noch Läufer und bunter Rauch, am Rand alles voll mit begeisterten Zuschauern. Ich lief anfangs sehr schnell los, damit ich vor der großen Masse bin und nicht überrannt werde. Wir hatten das große Glück das wir relativ weit vorne starten konnten und so den Großteil der Läufer hinter uns hatten.

Die Strecke führte die ersten Kilometer ausschließlich über aufgeweichte Wiesen. Bis auf ein paar Heuballen warteten keine nennenswerten Hindernisse. Nach ca. drei Kilometern ging es in ein kleines Waldstück. Hier musste immer wieder ein steiler, matschiger Berg hinauf und hinuntergelaufen werden. Ich habe die Steigungen nicht mitgezählt, aber irgendwann sind die Läufer nur noch langsam Steigung für Steigung hinauf geschlichen. Meine Waden haben gebrannt, mein Shirt war komplett durchgeschwitzt. Hatte ich mich zu warm angezogen?

Immer wieder blickte ich nach hinten und sah die Massen an Läufern, welche die gesamte Laufstrecke mit ihren bunten Shirts ausfüllten. Noch nie habe ich so viele Läufer gleichzeitig auf einer Strecke gesehen. Ich war im vorderen Drittel und konnte nach den kräfteraubenden Hügeln wieder gut Tempo aufnehmen.

Eiskalte Wasserhindernisse

Nach einem weiteren langen Laufstück auf matschigen Wiesen ging es schließlich erstmals in ein kleines Wasserhindernis. Weil ich vorher so geschwitzt hatte, fühlte sich das Wasser unglaublich kalt an. Die Strecke war trotz der wenigen Hindernisse durch die ganzen Hügel und den aufgeweichten Boden sehr anspruchsvoll und kräfteraubend. Es ging weiter über viele kleinere Hindernisse, welche ich gar nicht mehr ganz genau aufzählen kann. Unzählige Holzbalken, Netze und matschige Wassergräben wollten allerdings vor dem großen finale, den Killing Fields, noch von mir überwunden werden. Etwas frustrierend war es teilweise schon, wenn einem ein Blick nach links oder rechts nochmals zehn kommende Wassergräben offenbart. Immer wieder ging es ins Wasser – mal hüfftief, mal bis zu den Waden. Ich war froh, als ich nach ca. 10 Kilometern endlich das erste Hindernis der Killing Fields, den Tiger (K1) erklimmen konnte. Ich wusste das ich “nur noch” die Killing Fields überstehen muss und es dann geschafft habe. Doch die Killing Fields haben ihrem Namen alle Ehre gemacht. Sie haben meinen Körper komplett zerstört und mich bis an die Grenzen gebracht.

Physisch und psychisch eine Grenzerfahrung

Zu keinem Zeitpunkt wusste ich wo genau auf der Strecke ich bin und was noch alles kommen sollte. Dieses war nicht nur physisch eine unglaublich starke Belastung, sondern auch psychisch. Ich musste  mir hin und wieder in den Arsch treten nicht einfach aufzuhören. Vor allem bei den schirr unendlichen Matschgräben war ich drauf und dran nicht einfach das Handtuch zu werfen.

Zu diesem Zeitpunkt war mir schon extrem kalt und ich habe abschnittsweise meine Füße, Beine und Hände nicht mehr gespürt. Immer wieder musste ich mich überwinden wieder und wieder ins kalte Wasser zu gehen. Gefühlt bestanden die gesamten Killing Fields nur aus Wasser und Matsch. Gerade das Wasser schien das Element des Tough Guy 2017 zu sein: Halb mit Wasser gefühlte Röhren, eine Wasserrutsche, das Springen von einer Holzplanke ins kühle Nass und hin und wieder ein kleiner matschiger Wassergraben zwischendurch. Gerade die Matschgräben haben Zeit und Kraft gekostet. Mit jedem Wassergraben wurde die Böschung rutschiger und der Matsch tiefer. Teilweise ging der Matsch bis zur Hüfte. Beim Rausklettern war ich mir teilweise nicht mal mehr sicher, ob ich den Schuh überhaupt noch an habe, oder ob das einfach nur noch ein riesiger Matschklumpen ist, der kiloschwer an meinem Fuß hängt.

Als die unterirdischen Vietcong Tunnels (unterirdisch) kamen war ich etwas geschockt, da ich wusste das dieses erst das achte Hindernis der Killing Fields ist. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt nur noch wenig Kraft und konnte mich nur mit viel Mühe aus den sehr engen Röhren wieder ans Tageslicht kämpfen. Ich bemerkte nicht, das es zu regnen began. Erst als ich die ganzen Zuschauer am Rand mit Regenschirmen und Kapuzen sah, wurde mir klar das auch noch Wasser von oben kommt. Immer als ich wieder im Wasser war, wollte ich nur so schnell wie möglich auch wieder aus diesem heraus.

Tauchen im matschigen Wasser

Das extremste Wasserhindernis war das Tauchen unter vier Holzbalken. Ich hatte hier das Pech das vor mir jemand sehr lange brauchte und ich so nicht so schnell voran kam. Nach jedem Balken versuchte ich mich hochzustützen, damit so wenig Körper wie möglich im kalten Wasser verbleibt.

Ich hatte nach dem Tauchen ein heftiges Ziehen im Kopf, wie ich es sonst nur von dem zu schnellen Trinken kalter Getränke kannte (Gehirnvereisung). Ich fühlte wie meine Beine immer mehr verkrampften. Ich blieb kurz stehen und schüttelte diese aus, damit es nicht zur kompletten schmerzhaften Verkrampfung kommt. Immer wieder standen am Rand die Ghost Squads, die einen anschrien, motivierten oder abklatschten. Dieses motivierte mich und gab dem Lauf ein ganz besonderes Feeling.

Mit Tunnelblick über die letzten Hindernisse

An richtiges Laufen war ab den Killing Fields nicht mehr zu denken. Ich kämpfe mich nur noch von Hindernis zu Hindernis. Ich wurde immer langsamer und langsamer und merkte wie die Kälte meine Kraft raubte. Wir hatten den Tag über zwar ca. 7°C, doch wer vorab meinte das dieses ja fast sommerliche Temperaturen beim Tough Guy sind, wurde durch das ganze kalte Wasser eines besseren belehrt. Mein Körper war auf den letzten Hindernissen der Killing Fields am Ende.

Ich lief wie in Trance, Tunnelblick von Hindernis zu Hindernis. Ich nahm alles um mich herum nicht mehr richtig wahr und hatte nur noch das Ziel vor Augen. Nach jedem Wassergraben verkrampften meine Beine schmerzhaft und ich konnte mich nur noch in den Schlamm legen und dehnen. Irgendwie kämpfte ich mich aber auch über die letzten Hindernisse, erklomm die letzte Holzkonstruktion, durchquerte den letzten Wassergraben und kletterte am Seil den Zielhügel hinauf. Ich hatte es geschafft: I am a Tough Guy!

Zu viele Läufer auf der Strecke?

Später nach dem Lauf habe ich erfahren, das viele einen Großteil der Hindernisse der Killing Fields nicht mehr mitmachen konnten, da diese irgendwann aufgrund der fortgeschrittenen Zeit gesperrt wurden. Es soll Stau mit langen Wartezeiten bei den Hindernissen gegeben haben. Bei den Außentemperaturen ist Warten die Hölle. Die vielen Schlammgruben waren neu und haben viel Zeit gekostet, so dass die langsameren Läufer leider nicht mehr alle Hindernisse machen konnten. Etwas schade, aber auch verständlich das mit einsetzender Dämmerung die Läufer langsam Richtung Ziel sollten. Ich hatte das Glück das ich relativ weit vorne im Feld war und so den kompletten Tough Guy absolvieren konnte.

Unterkühlt im Ziel

Ohne Hilfe hätte ich mich aus meinen matschigen Sachen nicht mehr befreien können. Ich war komplett unterkühlt und habe mich schon während des Laufs immer wieder gefragt warum ich für so einen Scheiß überhaupt nach England reise. Spätestens als ich die schöne schwere Medaille in der Hand hielt war das aber wieder vergessen. Schmerz vergeht, Stolz bleibt! Für mich persönlich war der Tough Guy etwas ganz besonderes. Niemals zuvor habe ich einen Hindernislauf mit so einer Stimmung und so einem Spirit mitgemacht. Der Tough Guy bleibt weltweit einzigartig und gehört meiner Meinung nach definitiv zu den härtesten Hindernisläufen der Welt.  Ich war erstmals beim Tough Guy dabei und habe natürlich keinen Vergleich mit den letzten Jahren. Dennoch habe ich von vielen gehört, das beim letzten Tough Guy noch eine ordentliche Schippe drauf gelegt wurde. In der Tageszeitung am Folgetag habe ich gelesen das ca. 250 Hindernisse an diesem Tag überwunden werden mussten.

Natürlich etwas schade, das dieses vermutlich der letzte Touh Guy war. Doch so ganz sicher war sich da nach dem Lauf niemand, ob es nicht auch im nächsten Jahr vielleicht doch wieder einen Tough Guy geben wird…. Warten wir erstmal ab 😉 Danke an die Tough Guy Reisegruppe und das Team mit welchem wir die Reise zum very last Tough Guy antreten durften. Die Organisation war perfekt und wir hatten unglaublich viel Spaß!

Muddy Fox Team vor dem Start

Ihr seid auch beim Tough Guy 2017 gestartet? Wie ist es euch ergangen? Gehört ihr vielleicht sogar zu den Läufern, die den Tough Guy nicht mit allen Hindernissen finishen konnten? Schreibt eure Meinung zum letzten Tough Guy einfach als Kommentar unter diesen Beitrag.

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Hey! Ich bin Steffen, 28 Jahre und Autor dieses Beitrags. Hier einige Infos zu mir: Ich bin schon seit ich denken kann vom Sport fasziniert. Ich liebe außergewöhnliche Sportarten, die einem körperlich alles abverlangen und an meine Grenzen bringen. So stecke ich meine sportlichen Ziele immer wieder höher! Ich verbringe viel Zeit bei sportlichen Aktivitäten an der frischen Luft und in der Natur – ganz nach dem Motto „es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung“. Ich liebe Hindernis- und Extremläufe. Im Jahr 2016 habe ich meinen ersten Marathon mit Hindernissen und ersten 100 km Marsch gefinisht. Ich fahre auch in meiner Freizeit viel Fahrrad, gehe viel laufen und mache seit knapp zwei Jahren Bodyweight-Training. Ich liebe es mich in der Natur (Berge, Seen) zu bewegen, um neue Orte und landschaftliche Highlights zu entdecken. Die Sommer-Monate verbringe ich meist auf dem Stand Up Paddling Board. Auf dem SUP-Board erkunde ich sportlich Flüsse, Seen und Kanäle rund um Hamburg. Sport ist ein sehr wichtiger Teil meines Lebens. Hier fülle ich meine Energiereserven wieder auf, finde einen Ausgleich zum stressigen Arbeitsalltag und entwickle neue Ideen für diese Seite und meine YouTube-Kanal (FitnessBox). Über Kommentare und Nachrichten von euch hier auf der Seite freue ich mich immer sehr!

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